Kreuz und quer durch Faerûn

 

* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt



* Links
     Centis Blog
     Forgotten Realms






Kapitel 1, 1.


Blut rann in den Sand der kleinen Arena in den hinteren Bereichen der „Kupferkrone“. Das Publikum johlte und klatschte, als der „Gladiator“ dem Winterwolf mit seinem Kurzschwert den Todesstoß versetzte. Aber der zerlumpte Mann, der augenscheinlich um sein Leben gekämpft hatte, war nicht heil davon gekommen. Vor Kälte zitternd kroch er von dem sterbenden Tier weg. Sein zerbissenes Bein würde ihn nicht tragen. Mit Hilfe suchenden Blicken starrte er in die Reihen der Besucher auf den Bühnen und versuchte, mit seinen Lippen Worte zu formen. Ohne Erfolg. Seine krächzende Stimme ging im Jubel der Anwesenden und im den Kommentaren des bunt gekleideten Ausrufers unter. Von hinten eilten zwei Wärter und trugen den Mann weg, der mit kraftlosen Bewegungen vergeblich versuchte, sich zu wehren.
„Na, wenn das nicht der spannendste Kampf seit langem war, verehrte Spectatores! Wer hätte Ahnen können, dass es so knapp ausgehen würde? Wenigstens einer unserer geschätzten Gäste hatte diesbezüglich wohl ein goldenes Näslein!“
Der schmierige Ausrufer zwinkerte Cernd zu und reichte dam großen Kämpfer mit überspieltem und trotzdem offenkundigem Unbehagen einen Beutel mit 100 Goldmünzen.

„Aber ich bin mir sicher, dass Ihr beim nächsten Spektakel mehr Glück haben werdet. Als nächstes sehen wir einen unserer beliebten kleinen Kämpfe. Unser mutiger 11jähriger Sergo wird nun gegen einen unserer temperamentvollsten Kreischlinge antreten. Werte Zuschauer! Gebt Eure Wetten ab!...“
Cernd verließ die Arena. Er hatte was er wollte. Mochten sich andere weiter an dem Gemetzel Unschuldiger erfreuen. Wieder im Schankraum des zwielichtigen Gasthauses angelangt setzte er sich an einen Tisch an der Wand, bestellte er sich von dem eben erst erhaltenen Gold einen Becher ziemlich dünnen Wein. Dann setzte er das fort, was er schon die letzten 8 Tage gemacht hatte. Er beobachtete die Kundschaft und versuchte, wie ein Abenteurer auszusehen, der einen Auftrag suchte. Beides konnte er recht gut.
Seine große, muskulöse Gestalt und sein Ausrüstung wiesen ihn als guten Kämpfer aus. Und doch wollte sich bis jetzt keiner finden, der seine Hilfe in Anspruch nahm. Andererseits mochte sein düsteres Aussehen den einen oder anderen davon abhalten, ihn überhaupt anzusprechen. Cernd war es leid, in dieser Spelunke festzusitzen und sein letztes Geld vom Versiegen
abzuhalten, indem er Wetten abschloss.
12.3.06 13:00


Kapitel 1, 2.


"Aber ich bin mir sicher, dass Ihr beim nächsten Spektakel mehr Glück haben werdet", äffte Vandra den Ausrufer leise nach. Ja, wunderbar. Das nutzte ihr nun auch nichts mehr. Ihr Blick fiel auf den glücklichen Gewinner, der sich gerade mit seiner Ausbeute in den Schankraum verzog. Ein glatzköpfiger Kleiderschrank mit grimmigem Blick, der entfernt Ähnlichkeit mit einem Oger hatte, und an dem so ziemlich alles unsympathisch wirkte - bis auf den
Beutel mit den einhundert Goldmünzen. Vandra nahm sich vor, ihn im Auge zu behalten, sicher würde er heute Abend noch einen Fehler machen. Auf jeden Fall würde sie herausfinden, in welchem Zimmer er schlief.

Sie selbst hatte ihr Geld schon bei der viertletzten Wette verloren, bis auf zwei Goldmünzen, die sie gedachte, an diesem Abend bei Bernard zu lassen. Wenn sie also etwas zum Frühstück haben wollte, musste sie sich noch an diesem Abend etwas einfallen lassen. Um ihre Schulden konnte sie sich dann noch ein anderes Mal kümmern. Bei Maske, es musste doch in diesem edelmännerverseuchten Kabuff eine Möglichkeit geben, zu etwas Geld zu kommen! Sie beschloss, sich noch etwas unter den wettenden und grölenden Ausbund zu mischen, und sich dann zur Ruhe zu setzen, um den Glatzkopf zu beobachten.
12.3.06 13:10


Kapitel 1, 3.


Endlich tat sich etwas. Ein ziemlich ängstlich aussehender Mann, dessen Kleidung ihn als Diener irgendeines hochherrschaftlichen Hauses auswies, betrat das Gasthaus. Na wenn das nicht nach einem Auftrag roch. Er hatte ein paar Papierbögen unter dem Arm und schaute sich unschlüssig um. Dann versuchte er eher zufällig, sich einen Weg in seine Richtung zu bahnen und riss dabei fast eine Kellnerin mit vollem Tablett um. Cernd grinste in sich hinein und beobachtete weiter. Endlich blieb er an der Wand neben ihm stehen, nestelte nervös an seiner Tasche und schüttete den Inhalt eines kleinen Kästchens auf den Boden, in dem sich eine beträchtliche Anzahl von Nägeln befand. Fluchend legte der Tollpatsch das Rollenbündel beiseite und schickte sich an, auf dem Boden herumzukriechen, alles wieder einzusammeln.
Aber das war im Gewimmel der Füße um ihn herum nicht gerade einfach. Cernd amüsierte sich aufs Köstlichste. Ein ziemlich griesgrämig dahertorkelnder Schankgast fand es aber anscheinend nicht so witzig, als er über den Nagelsucher stolperte. Der Betrunkene versuchte, sich mit den Händen abzufangen und griff dabei in einige der kleinen spitzen Eisen. Fluchend und ein wenig lallend rappelte er sich wieder auf und gab dem armen Trottel am Boden lallend zu verstehen, dass er sich bitter dafür rächen würde. Cernd richtete sich behäbig auf. Es wurde wohl Zeit, sich bei seiner neuen potentiellen Kundschaft etwas einzuschleimen. Der Diener hob beschwichtigend die Hände.
„Bitte... Entschuldigung. Ich will keinen Ärger, ich wollte doch nur...“ Der Raufbold spuckte auf den Boden, holte mit seiner Faust aus und schlug zu seiner Überraschung auf den harten Plattenpanzer eines glatzköpfigen Riesen, der sich mit verschränkten Armen vor den Diener gestellt hatte. Ein Schmerz durchzuckte seine Faust und er machte ungläubig einen Schritt rückwärts. Cernd hob eine Augenbraue und blickte auf den betrunkenen hinab. “Nanana! Was hast du denn? Du hast doch gehört, dass sich der Herr entschuldigt hat, oder?“
Der Saufbold machte sich nicht die Mühe, etwas zu erwidern. Unter lautem Grölen der Umstehenden machte er sich aus dem Staub. Unter ihnen tummelte sich eine ziemlich stille und aufmerksame blonde Frau. Hatte er die nicht schon vorhin in der Arena gesehen?
„Oh, danke! Herzlichen Dank.“ Der Tollpatsch richtete sich überglücklich wieder auf und schüttelte Cernd kräftig die Hand, als dieser sich umgedreht hatte. „Ihr... Ihr seid nicht zufällig ein Abenteurer, oder?“
Cernd schmunzelte. „Ja, das bin ich. Woher habt Ihr das nur gewusst?“ Die Miene des Dieners hellte sich noch mehr auf.“ Dann habe ich vielleicht etwas für Euch.“ Er bückte sich, fischte umständlich ein Plakat aus seiner Rolle heraus und drückte es dem Kämpfer in die Hand.
„Der Fürst von Arnise sucht dringend ein paar tüchtige Leute von Eurem Schlag.“ Zur Unterstreichung seiner Worte klopfte er zweimal auf Cernds Rüstung. „Danke noch mal.“ Damit machte er sich daran, mehrere der Plakate an die Wand zu nageln. Die Menge – mitsamt dem Blondschopf- zeigte sich sehr interessiert an den Aushängen.
Cernd setzte sich wieder und überflog das Plakat. Seine Miene hellte sich auf. Heute schien sein Glückstag zu sein.

Eine Stunde und einen Becher Wein später machte er sich auf, sich schlafen zu legen. Als er schon fast die Zimmertür erreicht hatte, meinte er hinter sich leise Schritte zu hören. Ruckartig drehte er sich um, ging zurück und schaute um die Ecke. Nichts.
Verwundert zuckte er mit den Schultern und begab sich in sein kleines Zimmer. Ob er sich nun geirrt hatte oder nicht, er würde heute Nacht etwas vorsichtig sein.
Nachdem er sich des Panzers und der Waffen entledigt hatte, legte er alles in eine Kiste, drapierte den Geldbeutel ganz obenauf und hoffte, dass er vom Quietschen der Tür und der Kistenscharniere rechtzeitig wach werden würde, falls sich doch ein Dieb anschlich.
Dann gähnte Cernd herzhaft und legte sich zur Ruhe.
12.3.06 13:13


Kapitel 1, 4.


Vandra lugte vorsichtig um die Ecke. Kein Zweifel, durch diese Tür war der Hüne verschwunden. Und zwar allein, wie es aussah, das war gut, das war wirklich gut. Auch wenn es ihr besser gefallen hätte, hätte er sich betrunken, so wie die meisten anderen zwielichtigen Kämpfer in dieser Kneipe. Allerdings merkte sie, dass sie zukünftig noch vorsichtiger werden musste, denn als er überraschend kehrt gemacht hatte, hatte sie ziemlich zu tun gehabt, sich schnellstens im Schatten einer Wandnische zu verstecken, um nicht gesehen zu werden.
Erleichtet darüber, dass sie offenbar nicht bemerkt worden war, merkte sie sich die Tür und ging zurück in den Schankraum. Dort bestellte sie sich einen Met, denn für den nächsten Tag, war sie überzeugt, hatte sie nun so gut wie ausgesorgt. Langsam, um die Zeit totzuschlagen, nippte sie an dem kühlen Becher und ließ sich das Angebot des Fürsten D'Arnise durch den Kopf gehen. Eigentlich konnte das nur eine gute Idee sein. Unterwegs würde sie sicher mehr Geld verdienen als in Atkatla, schon allein weil sie es dann nicht sofort ausgeben oder beim Spiel verlieren konnte. Und sie war aus den Augen und somit hoffentlich auch aus dem Sinn von Aran Linvails Handlangern, die ihr inzwischen eine Frist gesetzt hatten, bis zu der sie ihre ausstehenden Schulden zu zahlen hatte, oder. Über das Oder mochte sie nicht näher nachdenken.

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als sich ein Betrunkener auf dem Stuhl neben ihr niederließ. Seiner Kleidung nach zu urteilen, gehörte er einer der wohlhabenderen Schichten an, und seinen Blicken nach zu urteilen, war er aus einem ganz bestimmten Grund in der Kupferkrone. "Hallo, schönes Kind", lallte er sie an und Vandra wich unwillkürlich vor seinem nach Schnaps riechenden Atem zurück. "Was hältst du davon, wenn du" seine Stimme wurde zunehmend anzüglich "und ich nach oben gehen und..." Vandra hörte dem Rest seiner schmierigen Ausführungen nur mit halben Ohr zu und musterte ihn angeekelt von oben bis unten. Unauffällig ließ sie ihren Blick an dem Beutel, der an seinem Gürtel befestigt war, vorbeigleiten und entspannte ihre Miene zu einem spöttischen Lächeln.
"Jajaja, schon gut", unterbrach sie ihn und stand grazil auf, "Komm mit!" Sein Gesichtsausdruck wandelte sich von lüstern zu überrascht und wieder hin zu lüstern, als er ihr erst mit den Augen folgte und dann selbst aufstand. Sie sah ihm tief in die Augen, während sie sich an ihm vorbei in Richtung der Zimmer drängelte. Als sie vorbei war, drehte sie sich abrupt um und rief mit tiefster Entrüstung: "Rüpel!". Im gleichen Atemzug holte sie mit der Rechten aus und traf ihr verblüfftes Gegenüber am Glaskinn. Der Mann fiel wie ein gefällter Baum um, und Vandra sah viele Gesichter belustigt auf sich gerichtet, während sie mit dem Ausdruck indigniertester Verachtung auf den Mann herunter sah, ihre Kleidung zurechtrückte, sich dann abrupt umdrehte und erhobenen Hauptes in Richtung der Zimmer schritt. Hinter sich hörte sie noch etwas Gelächter, dann schien alles wieder in seinen gewohnten Bahnen zu verlaufen.

Vandra bog in einen kleinen Seitengang und holte den Beutel aus ihrer Tasche. Vergnügt glucksend zog sie ihn auf und betrachtete zufrieden seinen Inhalt. Nun konnte sie natürlich nicht sofort wieder in die Schankstube zurückkehren, aber eigentlich müsste der Oger inzwischen auch fest eingeschlafen sein, also konnte sie ebenso gut den Weg durch sein Fenster nehmen.
Sie steckte den Beutel wieder ein und ging zum Zimmer.

Vor der Tür überprüfte sie noch einmal den Sitz ihrer Kleidung, achtete darauf, dass auch ja nichts rascheln würde und öffnete dann beherzt aber vorsichtig die Tür. Kein Quietschen, gut. Leise trat sie ein und schloss die Tür wieder hinter sich - die sich doch ausgerechnet jetzt entschloss, doch zu quietschen! Vandra erstarrte vor Schreck neben der geschlossenen Tür und wagte nicht einmal zu atmen.
Doch die Atemzüge des Riesen blieben gleichmäßig und Vandra atmete erleichtert wieder aus. Ein Blick auf das geöffnete Fenster, durch das ein wenig Licht herein fiel, sagte ihr, dass zumindest ihre Flucht sicher sein würde. Das kleine Zimmer war sehr spärlich eingerichtet, außer einem Bett und einem Tisch mit zwei Stühlen befand sich nur eine Kiste darin. Sie schlich lautlos auf die Kiste zu, ließ sich davor nieder und steckte aufgeregt eine Strähne ihres blonden Haares, die sich aus dem geflochtenen Zopf gelöst hatte, hinter ihr Ohr. Vorsichtig begann sie, den Deckel anzuheben und stellte angenehm überrascht fest, dass die Kiste nicht einmal verschlossen war. Sie drückte den Deckel weiter nach oben - und hielt erneut erschrocken inne, als auch dieses verdammte Mistding als nicht genügend geölt erwies! Natürlich hatte sie ausgerechnet diesmal beschlossen, die Ölkanne nicht mitzunehmen, wie sie dies sonst immer tat. Aber wer konnte auch ahnen, dass Bernard seine Gästezimmer derart vernachlässigte!
Noch immer rührte sich der Kämpfer nicht, aber hatte sie sich geirrt, oder hatte sich tatsächlich etwas an seiner Atmung verändert? Nein, sie ging ganz regelmäßig. Während sie mit der linken Hand den Deckel auf der Höhe hielt, fuhr sie mit der rechten in die Kiste und tastete ein wenig herum und fühlte fast sofort den gefüllten Beutel, der ganz oben lag. Sie schnappte ihn sich und machte Anstalten, ihn in ihre Tasche gleiten zu lassen...
12.3.06 16:35


Kapitel 1, 5.


Was war das? Als die Tür leise quietschte, wich der seichte Schlaf, der ihn befallen hatte, sofort zurück. Cernd widerstand dem Willen, seine Augen zu öffnen, und stellte sich weiter schlafend. Er lauschte angespannt in die Stille hinein. Nichts war zu hören. Hatte er sich das Knarren der Tür doch eingebildet?
Nein. Ganz leise glaubte er neben sich ein Atmen zu hören. Kein Zweifel. Hier war kein Anfänger am Werk. Zorn wallte in ihm auf. Alles in ihm schrie danach, sich den Eindringling zu schnappen. Aber noch war es zu früh. Er zwang sich zur Ruhe und lauschte weiter. Dann klickte es leise und dann hörte er dicht neben sich ein weiteres leises Knarren. Der Dieb hatte die Kiste geöffnet. Dann hörte er das leise verräterische Klirren seiner Goldmünzen, als diese sich im Beutel bewegten.

Jetzt oder nie! Cernd riss die Augen auf. Seine Hand schnellte vor und ergriff den Arm, der den Beutel hielt, drückte zu und verdrehte ihn. Eine Frau. Gleichzeitig schwang er sich aus dem Bett und umklammerte mit seinem freien Arm ihren Hals und zog sie an sich. Sie stieß einen leisen Laut der Überraschung aus. Ein langer Zopf fiel ihr über die Schultern. Der Blondschopf von unten.
„Ich glaube, du hast gerade einen großen Fehler gemacht, Goldlöckchen...“
13.3.06 10:06


Kapitel 1, 6.


'Ich glaube, du hast gerade einen großen Fehler gemacht...' Ja, diesen Eindruck hatte Vandra ebenfalls. Verdammt, war der Kerl schnell gewesen. Normalerweise war Vandra ja alles andere als wehrlos, aber seine Attacke war zu plötzlich und zu gezielt gewesen und nun fand sie sich von einer auf die andere Sekunde plötzlich im eisenharten Griff des Kämpfers wieder, dessen Schultern gerade da anfingen, wo ihr Kopf aufhörte, und hinter dessen breitem Rücken sie sich durchaus ungestört umziehen hätte können.
Nach der ersten Schrecksekunde fiel ihr allerdings auf, dass sie immerhin einen Arm frei hatte, das war doch schon mal etwas. Außerdem konnte er sie ja schlecht ewig so halten.

Sie ließ ihre ohnehin nur halbherzige Gegenwehr ruhen und versuchte, Zeit zu gewinnen und gleichzeitig den Mann dazu zu bringen, ein wenig in seiner Aufmerksamkeit nachzulassen.
"Au!", machte sie und schlug einen naiv hilflosen Tonfall an, als sie fortfuhr: "Tut mir leid, ich hab mich in der Tür geirrt... letztes Mal hatte ich dieses hier..."
13.3.06 10:07


Kapitel 1, 7.


Cernd schnaubte. „Ach wirklich? Und warum habt Ihr meinem Geldbeutel dann mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als dem Mann in Eurem vermeintlichen Bett?
Seid Ihr denn so kurzsichtig, dass Ihr mich nicht gesehen habt?“ Raunte er ihr gespielt beleidigt ins Ohr.
13.3.06 21:09


Kapitel 1, 8.


Während der Mann noch immer ihren rechten Arm festhielt, ließ sie ihre linke Hand, die bisher auf seinem muskulösen Unterarm geruht hatte, in einer resignierten Geste fallen. Scheinbar ängstlich bei seinen Worten vor seinem Kopf zurückweichend duckte sie sich ein wenig nach unten.
"Ah, es war so dunkel..." antwortete Vandra im gleichen hilflosen Tonfall. Mit dem letzten Wort fuhr ihre Hand an seinem Oberschenkel entlang zu dessen Innenseite, in die sie sogleich so kräftig sie es nur vermochte hineinzwickte. Gleichzeitig trat sie mit dem linken Fuß nach hinten gegen sein Schienbein. Ein winziges Bisschen lockerte sich sein Griff und es gelang ihr, ihn ganz zu sprengen, indem sie mit der Hüfte ruckartig nach hinten und mit dem Oberkörper gleichzeitig nach vorn stieß.
Zwar hielt er noch immer ihren rechten Arm fest, aber auch diesen Griff konnte sie nun mit einer flinken kleinen Drehbewegung in Richtung seines Daumens lösen und schaffte es dabei sogar, den Geldbeutel in der Hand zu behalten, während sie gleichzeitig noch einmal gegen sein Schienbein nachsetzte.
Flugs war sie bei der Tür, riss sie auf, schlüpfte hindurch und zog sie hinter sich zu, oder versuchte es zumindest, denn der Mann hatte sich offenbar schnell von seiner Überraschung erholt und war ihr auf Haaresbreite auf den Fersen.

Vandra hechtete den Gang hinunter, bog links in einen weiteren und öffnete wahllos eine der vielen Türen, um sie sofort hinter sich wieder zu schließen. In diesem Zimmer war sie nicht allein, zu ihrer Rechten hielt gerade ein Pärchen irritiert inne. "Tschuldigung!", trällerte sie und nahm dabei ungebremst Kurs auf das Fenster zwei Meter vor ihr, während hinter ihr die Tür wieder aufging. Sie nahm einen Zipfel des Geldbeutels zwischen die Zähne und warf gleichzeitig mit der linken Hand einen Stuhl hinter sich in den Weg. Am Fenster angekommen kletterte sie auf das Fensterbrett. Springen war unmöglich, zwar hätte sie den Sprung aus dieser Höhe wohl überlebt, aber dass sie dabei ohne eine Verstauchung davongekommen wäre, schien unwahrscheinlich, und so etwas erschwerte eine Flucht gewöhnlich ungemein.
Rechts und links war auch kein Halt, also blieb nur das Dach. Während ihr Verfolger über den Stuhl hechtete, zog sie sich gewandt auf das Dach nach oben und brachte im letzten Augenblick ihre Füße vor den nach ihnen greifenden Händen in Sicherheit. Kurz durchatmend nahm sie den Beutel und steckte ihn mit einem triumphierenden Grinsen in ihre Tasche.
Ein rentabler Abend.
13.3.06 21:11


Kapitel 1, 9.


Cernd versuchte, nach ihren Beinen zu greifen. Aber sie war zu schnell. Er blickte nach oben und sah, wie ihre Stiefel hinter dem Rand des Daches verschwanden. „Verdammtes Miststück!“, brüllte er ihr nach. Aber alles, was er damit bewirkte, war, dass sich ein Obdachloser irgendwo unter ihm über die nächtliche Lautstärke beschwerte. Wütend drehte er sich um und trat gegen den klapprigen Stuhl, der ihm den Weg versperrt hatte. Dieser flog durchs Zimmer, krachte lautstark gegen die Wand und zerbrach. Das Krachen mischte sich mit einem schrillen Schrei aus Richtung Bett. Sein Blick streifte über die zwei schockierten Gestalten, die sich beide an der Bettdecke festhielten. Ach ja. Die beiden hatte er völlig vergessen. Bernards Einrichtung in Anwesenheit von Zeugen zu demolieren, war nicht wirklich eine gute Idee gewesen. Besonders, wenn einem das Geld zum
Wiedergutmachen des Schadens gerade durch das Fenster verschwunden war.
Cernd machte vor den beiden eine resignierte Geste. „Eheprobleme.“, fügte er trocken hinzu und verließ das Zimmer.
Es war wohl besser, den Rest der Nacht nicht hier zu verbringen. Sicher würden sich die beiden Turteltäubchen schnell von ihrem Schock erholen, um sich kräftig bei Bernard zu beschweren. Und das Letzte, was seine Nerven jetzt brauchten, war noch mehr Ärger.
Cernd packte also schnell seine Sachen zusammen, schnallte Rüstung und Waffen um und stahl sich in die Slums. Es war eine klare und warme Nacht. Er konnte genauso gut auch heute noch ein kleines Stück des Weges zur Festung Arnise gehen und dann irgendwo draußen kampieren. Das war im Vergleich zu den Slums auch nicht viel gefährlicher. Und obendrein stank es in freier Natur auch nicht so entsetzlich. Also ging er in Richtung der Stadttore.
14.3.06 19:04


Kapitel 1, 10.


"...Ich hub mich auf und ging davon
Und macht' mich auf die Straßen.
Da kam ein reicher Kaufmannssohn,
Sein Geld musst' er mir lassen.

Wir sind die armen Schwartenhäls,
Wir nehmen statt zu geben,
und wenn euch das auch nicht gefällt
- zu kurz ist unser Leben! Lalalala", trällerte Vandra leise vor sich hin, bevor sie verstummte und in eine kleine Seitengasse im Hafenbezirk huschte. Es war tatsächlich eine gute Idee gewesen, einen Teil des Geldes hier zu deponieren, denn natürlich hatte Kretor ihre Tasche durchsucht, um ja auch all ihr Geld zu bekommen. Immerhin, sie hatte einen wichtigen Schritt in Richtung Schuldenfreiheit getan, ihm die 120 Goldmünzen zukommen zu lassen. Jetzt musste sie nur noch sehen, wo sie die restlichen 3880 herbekam. Und das möglichst innerhalb der nächsten paar Wochen. Aber das würde ihr schon irgendwie gelingen, so ein paar Schulden konnten ihr doch die Laune nicht trüben. Und wenn sie Glück hatte, warf der Auftrag des Fürsten D'Arnise, den sie letztendlich beschlossen hatte anzunehmen, genug Geld ab.
Nun allerdings war es schon zu weit nach Mitternacht, und so beschloss sie, sich noch ein paar Stunden aufs Ohr zu hauen, bevor sie sich dann am Morgen mit ein paar Vorräten eindecken und auf den Weg zur Festung machen würde.
14.3.06 19:31


Kapitel 1, 11.


Irgendetwas hatte ihn ins Ohr gepiekst. Träge und schlaftrunken fuchtelte Cernd mit einem Arm herum, um das lästige Insekt zu verscheuchen. Dann drehte er sich um und schickte sich an, weiter zu schlafen. Au! Verärgert, aber etwas munterer, rieb er sich die Nase und schlug die Augen auf. Auf seiner Brust hockte etwas und starrte ihm mit kleinen roten Augen entgegen.
Überrascht fuchtelte der Krieger mit den Armen und verscheuchte das echsenartige Tier, das daraufhin protestierend davonflatterte. Cernd richtete sich auf und schaute nach der Sonne, die schon ein ganzes Stück Weg am Firmament zurückgelegt hatte. Da fühlte er einen Luftzug. Kurz darauf bohrte sich etwas Spitzes in seine Kopfhaut. Cernd duckte sich und hielt seine Hände schützend über sein Haupt. Aber so schnell wie die Attacke gekommen war, so schnell war sie auch schon wieder vorbei. Die Nächste ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Aber diesmal war er etwas besser vorbereitet. Und hatte Glück. Irgendwie schaffte er es, das Biest festzuhalten. Cernd lachte triumphierend. Doch die Freude darüber währte nicht lange. Die Echse atmete tief ein und spie einen Strahl aus Feuer auf seine Hände. Vor Überraschung und Schmerz ließ der Krieger das Tier wieder fahren, welches sich auf einem dünnen Bäumchen niederließ und ihn feindselig beäugte.

Cernd grollte. JETZT war er wirklich wütend. Wahllos griff er nach der nächstbesten Waffe und bekam seinen Zweihänder in die Finger. Mit diesem hieb er auf kleinen Baum ein. Dieser hatte seinem Zorn nicht viel entgegenzusetzen und knickte nach dem zweiten Schlag ab. Die Echse flatterte erschrocken auf und schoss in Richtung Wald.
„Du blödes Mistding! Ich kriege dich! Und wenn ich jeden verdammten Baum dafür fällen muss!“ Damit folgte er seinem kleinen Angreifer in den Wald.
Doch es dauerte nicht lange, bis er das Biest aus den Augen verloren hatte. Cernd blieb keuchend stehen, schaute sich um und lauschte in den Wald hinein. Da hörte er etwas. Irgendwo in der Nähe rumste es mörderisch. Und bald darauf erklang ein verzweifelter Schrei. Im Nu war seine Rache vergessen.
So schnell und leise wie möglich bewegte sich Cernd auf die Geräuschquelle zu und stolperte dabei über die halb verbrannte und noch leicht schwelende Leiche eines Hobgoblins. Der Gestank war atemberaubend. Ein Grunzen und Johlen in der Nähe verriet ihm, dass es noch mehr dieser reizenden Kreaturen in der Nähe gab. Und tatsächlich: drei weitere Gestalten. Der Größte und
Stattlichste von ihnen schwenkte triumphierend eine stattliche Keule über seinem Kopf, mit der er höchstwahrscheinlich gerade einem zusammengekrümmt auf dem Boden liegenden Mann den Garaus gemacht hatte. Nun winkte er die beiden anderen heran und sie schickten sich an, ihrem Opfer die Taschen zu leeren. Das machte sie unaufmerksam. Diese Gelegenheit nutzte Cernd, um
sich weiter heranzupirschen. Und er wäre bis auf Angriffsnähe herangekommen, wenn ihm nicht ein alter Bekannter dazwischengefunkt wäre. Kreischend stürzte sich das braune Etwas vom Himmel und grub seine winzigen Klauen diesmal in einen der Hobgoblins, der ohrenbetäubend kreischte. Cernd reichte die allgemeine Verwirrung, um den Rest der Strecke zu überbrücken, und er griff an. Der Keulenträger merkte nicht einmal, wodurch er starb. Ein sauberer Hieb trennte seinen Kopf vom Körper als der zweite sich überrascht umdrehte, hob er schützend die Arme vor sich. Doch die boten seiner schweren Klinge nicht wirklich Widerstand. Dieser Schlag kostete ihm seine Unterarme, der nächste sein Leben. In seiner Verzweiflung stürzte sich der letzte Hobgoblin mit einem rostigen Kurzschwert auf Cernd. Aber dieser parrierte den Schlag rechtzeitig. Nach ein paar weiteren halbherzigen Attacken lag auch er bald am Boden und leistete seinen Kumpanen Gesellschaft. Cernd holte einen Moment Luft und schaute sich um. Dann trat er zum Opfer der Scheusale.
Schade. Anscheinend war er einen winzigen Moment zu spät gekommen. Mit seinem Fuß stieß er die hagere Gestalt an. Nein, er atmete noch. Cernd kniete nieder und drehte den Mann um. Seine Augenlider flackerten wild, aber er schien nichts mitzubekommen. Cernd betrachtete ihn genauer und zählte eins und eins zusammen. Eine halbverbrannter Hobgoblin, Brandspuren im Gras, das auffällige Gewand des Bewusstlosen, der eigenartige Stab, der neben ihm lag.
Kein Zweifel. Das musste ein Magier sein. Und Magier schleppten meist allerlei nützliche Tränke mit sich herum. Vielleicht half ihm einer davon wieder auf die Beine.
Der Krieger schaute sich noch einmal um. Einiges aus dem Gepäck des Magiers lag verstreut umher. Er angelte sich die halb entleerte Tasche des Bewusstlosen und kramte darin herum. Na bitte. Er fand tatsächlich ein paar bunte Fläschchen. Aber er hatte keine Ahnung, was sie bewirkten. Vorsichtig öffnete er eine blaue Flasche und roch prüfend daran. Und tatsächlich erinnerte ihn dieser Geruch entfernt an einen der Heiltränke, die er ab und zu erstand, wenn das Geld dafür reichte. Aber was, wenn er
sich irrte? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Cernd hob den Kopf des Bewusstlosen ein wenig an und flößte ihm die klare Flüssigkeit langsam ein. Und tatsächlich tat sich etwas. Der Magier öffnete die großen Augen und hustete. Sie blickten Cernd mit einer Mischung aus Überraschung und Verwirrung an.
Der Krieger schmunzelte. “Nein, ich bin kein Hobgoblin.“ Damit goss er ihm den Rest der Flasche in den Mund. Der Magier schluckte hastig. „Die... der... Was?“, stotterte er. „Hobgoblins. Ihr wurdet von Hobgoblins überfallen und niedergeschlagen. Ich kam zufällig vorbei. Ihr hattet Glück, dass ich Euch gefunden habe.“
„Ja... ja richtig.“ Er setzte sich vorsichtig auf und blickte sich um. “Dann... dann habt Ihr die da erschlagen? Ihr habt mich gerettet!“ Cernd nickte. „Schlaues Kerlchen.“ Der Magus wurde zusehens munterer. Cernd klopfte ihm auf die Schulter, stand wieder auf und machte sich daran, die toten Hobgoblins zu durchsuchen. Mit Mühe und Not richtete sich der Gerettete auf und lief dem großen Glatzkopf nach. „Oh! Ich... ich danke Euch von ganzem Herzen. Ihr wisst gar nicht, wie sehr. Kann ich... kann ich das irgendwie wieder gut machen? Aber... Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Xian. Mein Name ist Xian. Ich bin ein Hexenmeister aus Niewinter“
Cernd blickte auf und wollte abwinken. Aber Xian stand lächelnd hinter ihm und hielt ihm die dürren Spinnenfinger seiner rechten Hand entgegen. Cernd seufzte, wischte sich etwas Blut von den Händen, drehte sich um und reichte dem Hexenmeister die Hand.
„Ich heiße Cernd.“ Dann scherte er sich nicht weiter um ihn und wandte sich wieder dem Hobgoblin zu. Etwas Kleines schwirrte über ihn hinweg. Nicht schon wieder. Cernd zog den Kopf ein.
„Grallam!“, ertönte es von hinten. „Meine liebe gute Grallam! Da bist du ja wieder!“ Wieder drehte sich der Krieger um und beobachtete, wie Xian, das garstige Schuppentier im Arm hielt und innig herzte.
„Was? Das Biest gehört dir?“ Xian lächelte. „Ja. Darf ich vorstellen? Das ist Grallam. Meine tierische Vertraute." Damit hielt er ihm das Tier mit einem unbedarften Lächeln entgegen.
Cernd widerstand dem Impuls, dem Vieh den Hals umzudrehen, und winkte ab. „Nein danke. Ich hatte bereits das Vergnügen.“
So ließ er Xian stehen und machte sich an dem nächsten Toten zu schaffen. Und zu seiner Erleichterung wurde er auch allein gelassen. Denn auch der Hexenmeister sammelte nun seine Sachen zusammen.
Aber als Cernd mit der Leichenfledderei fertig war und sich verdrücken wollte, stand Xian gut gelaunt hinter ihm und wartete.
„Und? Wo gehen wir jetzt hin?“
Cernd blinzelte. „Wieso wir?“
Xian lächelte ihn fröhlich an. „Nun, wie soll ich denn meine Schulden bei Euch sonst zurückzahlen? Geld für meine Rettung kann ich Euch nicht bieten. So kann ich nur hoffen, mein Leben mit dem gleichen Dienst zurückzuzahlen. Ich werde Euch begleiten!“

Cernd starrte den Hexenmeister eine Weile entgeistert an. „Nein. Das werdet Ihr nicht!“
Damit drehte er sich um und machte sich auf den Weg zu seinem Lager. Aber der Hexenmeister folgte ihm genau so entschlossen wie der Krieger selbst.
„Wo Ihr wollt denn nun eigentlich hin, hm?“ Cernd beschleunigte seine Schritte, aber antwortete dennoch: „Ich bin auf dem Weg, eine gefährliche Mission anzunehmen. Ich gehe zur Festung Arnise.“
Xian musste fast rennen, um mit dem Krieger Schritt zu halten.“ Ach wirklich?“, keuchte er. „Genau da wollte ich auch hin! Wollen wir uns nicht bis dahin zusammentun? Wer weiß, was sich in diesen Wäldern noch so alles herumtreibt. Und selbst wenn Ihr meine Hilfe nicht benötigt, Ihr könnt mich doch nicht einfach schutzlos hier allein lassen. Jetzt, wo Ihr Euch extra die Mühe gemacht habt, mein Leben zu bewahren.“
Cernd hielt inne. Er ballte die Fäuste und presste seine Zähne so hart aufeinander, dass seine Schläfen hervortraten. Langsam drehte er sich zu Xian um, um ihn mit ein paar zornigen Worten zu verscheuchen... und wurde unerwartet von einem Blick niedergestreckt, der Steine zum Weinen gebracht hätte. Er seufzte resigniert. Und war sich schon jetzt sicher, dass er seine
folgenden Worte bereuen würde:
„Na meinetwegen. Aber du wirst die Klappe halten! Du wirst mich auf der Festung verlassen! Du wirst dieses Tier da von mir fern halten! Und wenn du den Anschluss verpasst, dann hast du Pech gehabt! Hast du das verstanden?“
Xians Mine hellte sich auf, als habe er gerade einen barmherzigen Gott gesehen, wurde aber gleich wieder übertrieben ernst. „Aye, Sir!“
Damit setzten beide ihren Weg fort.
15.3.06 19:47


Kapitel 2, 1.


Am Nachmittag überquerte Vandra den Vorhof der Festung. Das Gebäude hatte, soweit sie das sehen konnte, beeindruckende Ausmaße und sah stark so aus, als wäre ein Streifzug durch seine Gemäuer überaus lohnenswert. Zu ihrer Linken befanden sich die Zwinger der Hunde, um die sie unwillkürlich einen unnötigen Bogen schlug. Hunden stand sie aus Erfahrung sehr skeptisch gegenüber.

Plötzlich öffnete sich die Tür vor ihr und ein Bediensteter, der offenbar von ihrer Ankunft unterrichtet worden war, trat heraus und musterte sie kritisch. Einen Moment lang blieb sein Blick an dem Kurzbogen im Köcher auf ihrem Rücken und dann an dem Kurzschwert in der Scheide an ihrer Seite hängen, während er sie ansprach: "Guten Tag. Ihr müsst wegen... des Auftrages hier sein, nehme ich an." Er hielt noch einen Moment inne, als überlege er, ob er sie überhaupt eintreten lassen wolle oder nicht doch lieber gleich wieder zurückschicken sollte. Vandra holte Luft, um eine Antwort zu formulieren, als er ihr unvermittelt den Rücken zukehrte und über die Schulter ein "Folgt mir." verlauten ließ.
Vandra klappte den Mund, den sie für eine Antwort geöffnet hatte, wieder zu, warf noch einen verwirrten Blick über den Burghof und folgte dem Mann dann ins Innere der Burg.

Im Eingangsbereich blieb er so unvermittelt stehen, dass Vandra, deren Blick an den Wandteppichen zu ihrer Rechten hängen geblieben war, beinahe in ihn hineingerannt wäre und so abrupt innehalten musste, dass sie kurz um ihr Gleichgewicht zu kämpfen hatte.
Er drehte sich zu ihr um und erklärte dann: "Wir erwarten noch weitere Gäste, der Fürst wird Euch dann nach dem Abendessen gemeinsam erklären, worum es geht." Er blinzelte kurz irritiert und fragte sie dann: "Wen darf ich melden?" "Äh... Vandra", antwortete die Diebin dann, um gleich zu einer Gegenfrage auszuholen: "W-" "Sicher", schnitt ihr der Bedienstete das Wort ab, "wollt Ihr Euch vorher noch einmal frisch machen. Fürst D'Arnise hat Euch ein Zimmer zur Verfügung gestellt, Ihr werdet dann gerufen, wenn das Essen bereit ist. Ich werde Euch nun Euer Zimmer zeigen." Sprach's und drehte sich wieder um, um nun auf die Treppen nach oben zuzusteuern.
Vandra atmete mit einem frustrierten Laut aus - der Kerl war ja direkt unhöflich, fand sie.

Während sie die Treppen hinaufgingen, beschloss Vandra, es noch einmal zu versuchen, da der Kerl ja keine Anstalten machte, noch etwas verlauten zu lassen.
"Wer wird denn noch so alles kommen?" "Das wird sich zeigen", war seine Antwort, für die sie ihn hätte schlagen wollen, hätte er dann nicht wenigstens noch ergänzt: "Wir haben keine festen Zusagen erhalten." Aha. "Und ist denn schon wer da?", hakte sie nach. "Nein." Vandra nickte verstehend, auch wenn er sie ohnehin nicht sehen konnte. Eigentlich war es ihr gleich, ob sie den Auftrag allein ausführen oder ob sie Gesellschaft dabei haben würde. Wobei ihr einfiel - was für ein Auftrag war das eigentlich?
"Was für ein Auftrag ist es denn nun?", fragte sie ermutigt durch seine halbwegs bereitwilligen Antworten. Der Mann blieb vor einer Zimmertür stehen, öffnete sie und bedeutete ihr einzutreten, während er erklärte: "Ihr werdet die Einzelheiten heute Abend von Fürst D'Arnise persönlich erfahren. Dies hier ist Euer Zimmer - für diese Nacht", ergänzte er betont, als wolle er sichergehen, dass sie sich nicht länger hier einnistete, "Karl wird Euch in zwei Stunden zu Tisch bitten. Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt." Er verneigte sich leicht und lief dann den Gang zurück.

Vandra schloss leicht verärgert die Tür hinter ihm. Dann drehte sie sich um und sofort erhellte sich ihre Miene wieder, als sie sich im Raum umsah. Sie legte Bogen und Schwert ab und warf sich mit einem zufriedenen Seufzer auf das große weiche, frisch bezogene Bett. Für eine Nacht in so einem Luxusbett musste man in Waukeens Promenade ein halbes Vermögen bezahlen.


Sie musste wohl eingenickt sein, denn plötzlich klopfte es an der Tür und auf ihr "Herein?" trat ein weiterer Bediensteter des Hauses ein. "Verzeiht", verneigte er sich leicht, "Das Essen wird gleich serviert, wenn Ihr mich begleiten wollt?" Ein Knurren aus ihrem Magen verriet ihr, dass sie natürlich wollte. "Sicher. Könntet Ihr bitte noch eine Minute warten?", gab sie zurück und bat ihn mit scheuer Geste noch einmal vor die Tür. Schnell wusch sie sich das Gesicht in einer bereitstehenden Wasserschüssel, bürstete ihr Haar aus und flocht es zu einem etwas ordentlicheren Zopf. Dann klopfte sie sich hier und da einen Staubflecken aus der Kleidung und trat dann zu dem Bediensteten vor der Tür.

Zu ihrer Verwunderung war außer ihr nur ein weiterer Mann in dem großen Saal, in den Karl sie geführt hatte. Er stand bei ihrer Ankunft auf, um sie zu begrüßen: "Guten Abend, äh, Vandra, nicht wahr?" Auf ihr Nicken hin fuhr er fort: "Es freut mich, dass meiner Bitte nachgekommen seid, setzt Euch doch."
Ganz offensichtlich stand ihr gerade Fürst D'Arnise, der Herr dieser riesigen Burg, gegenüber. Er war nicht mehr der Jüngste, doch war er auch noch weit davon entfernt, alt zu sein, und seine wachen Augen verrieten sowohl Strenge als auch Güte. Doch Vandra glaubte, noch etwas anderes darin zu lesen. Unsicherheit? Er bedeutete ihr, an seiner Tafel Platz zu nehmen, die, wie Vandra etwas enttäuscht auffiel, nicht gedeckt war.
"Ich danke Euch für die Einladung", antwortete Vandra, "Aber ich würde gern allmählich wissen, worum es überhaupt geht..."
"Ja, ja sicher", erwiderte der Fürst verständnisvoll, überlegte kurz und fuhr dann fort: "Ich wollte eigentlich warten, bis die beiden Herren, die gerade eingetroffen sind, sich zu uns gesellen, aber ich kann es Euch ebenso gut schon einmal verraten." Er atmete tief ein, als ob das, was er nun zu sagen hatte, unangenehm für ihn wäre, und erklärte dann: "Es geht um meine Tochter, Nalia. Sie ist... verschwunden..."
Vandra zog die Augenbrauen hoch. Es war offenbar weniger Unsicherheit, die sie gesehen hatte, sondern eher Besorgnis. "Vor beinahe zwei Zehntagen bereits. Sie hat sich schon öfter davongestohlen, aber so lange war sie nie weggeblieben." Nalia? Der Name sagte ihr etwas, aber sie konnte sich nicht recht erinnern. "Habt Ihr eine Ahnung, wo sie sein könnte?", hakte sie nach. Er schüttelte den Kopf. "Hin und wieder ging sie zur Kupferkrone in Atkatla, aber meine Leute haben sie dort nicht gefunden. Und das..." Er zögerte kurz und seine Miene wurde abfällig "... Personal dort schien wenig bereit, uns Auskünfte zu erteilen."

Vandra überlegte. Kupferkrone? Nalia? "Ist Eure Tochter... etwa in meinem Alter, rothaarig, etwas größer als ich?" Freudige Hoffnung stahl sich in das Gesicht des Fürsten: "Ja, ja, die Beschreibung passt, kennt Ihr sie?" "Kennen wäre zu viel gesagt", gab sie zu, "Aber ich bin mir sicher, sie schon einmal gesehen zu haben. Ich bin öfter in der Kupferkrone und ich kenne einige der Gäste, vielleicht kann ich ja etwas herausfinden..." überlegte sie laut. "Habt Ihr denn eine Ahnung, warum sie verschwunden sein könnte?"
Der Fürst schüttelte den Kopf und wollte etwas erwidern, als sein Blick an Vandra vorbei auf die Stelle am anderen Ende des Saales wanderte, wo er offensichtlich gerade jemanden hatte eintreten sehen. Er stand auf und bedeutete den eben Eingetretenen, sich ebenfalls an seine Tafel zu setzen, während er sie begrüßte: "Ah, guten Abend! Es freut mich, dass Ihr gekommen seid, bitte, nehmt doch Platz!" Vandra stand ebenfalls auf, um die Angekommenen zu begrüßen, und drehte sich um. Und riss erschrocken die Augen auf.
16.3.06 18:35


Kapitel 2, 2.


Cernd senkte sein Haupt leicht, um nicht an den niedrigen Türbogen zu stoßen. Als er die Augen wieder hob, erstarrte er in seiner Bewegung. SIE? Was zum Henker hatte sie hier verloren? Erneut wogte Zorn in ihm auf. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt.
Cernd presste die Zähne aufeinander und versuchte, Ruhe zu bewahren. Mit steinerner Miene blickte er die Diebin an. Dann riss ihn der Diener aus den Gedanken, der sie vorstellte: „Cernd, Krieger aus Nashkell...“ Seine Augen schweiften zu dem anderen Anwesenden. Noch einmal deutete Cernd eine
Verbeugung an. „...und Xian, Hexenmeister aus Niewinter.“ Xian schien seine plötzliche Verlegenheit zu bemerken, machte ebenfalls eine Verbeugung und ergriff unbekümmert das Wort: „Fürst D'Arnise. Bitte verzeiht uns unsere Verspätung und unseren Aufzug. Aber wir wurden auf dem Weg von hier von Hobgoblins aufgehalten. Nun, da wir endlich angekommen sind, stehen wir Euch zur Verfügung.“ Xian lächelte den Fürsten auf eine fröhliche und aufrichtige Weise an, die Cernd die ganze Reise über hatte selbst ertragen müssen. Der Fürst nickte abwesend und deutete auf die Plätze an der Tafel. Zu Cernds Erleichterung setzte sich Xian zwischen ihn und den Blondschopf. Dann kam der Fürst sichtlich schweren Herzens zur Sache. “Der Grund, weshalb ich nach Euch ausschickte, ist folgender: Meine geliebte Tochter Nalia ist verschwunden. Sie hat die Kupferkrone von Zeit zu Zeit besucht. Aber als sie von dort nicht wiederkam, ließ ich dort suchen. Allerdings ohne Erfolg. Wie mir... Eure Kollegin, Vandra“ - damit deutet er auf die Diebin – „mitteilte, wäre eine Befragung in der Kupferkrone ein guter erster Anhaltspunkt. Sicherlich haben Leute wie Ihr mehr Erfolg bei der Suche, als ein Verhör durch meine Leute.“

Cernd nickte. „Darf ich fragen, was Eure Tochter Eurer Meinung nach in einem Gasthaus wie der Kupferkrone vorhatte? Ich möchte meinen, dass das für eine junge Frau ihres Standes...recht ungewöhnlich ist, sich in den Slums herumzutreiben. Immerhin ist diese Gegend nicht ungefährlich. Dort treibt sich allerlei Diebesgesindel herum.“ Bei den letzten Worten warf er dem Blondschopf einen kurzen aber stechenden Blick zu.
20.3.06 19:34


Kapitel 2, 3.


Vandra wich unbehaglich Cernds Blick aus, während der Fürst einen Augenblick lang zögerte und zu überlegen schien, ob er diese Frage überhaupt beantworten wollte. Dann erklärte er widerwillig: "Sie ging hin und wieder dort hin, um irgendwelchen Leuten zu helfen. Ein Bettler hier, ein Waisenkind da. Ich verbot es ihr, selbstverständlich, aber sie war so versessen darauf, zu helfen, dass sie immer wieder einen Ausweg fand." Halb gemurmelt fügte er noch hinzu: "Nicht einmal Schlösser konnten sie aufhalten..." Vandra lächelte leicht. Ja, das ging ihr ebenso. Sofort wurde ihre Miene ernst und mitfühlend, als der Fürst sie ansah.
"Im Nebenraum wird gerade Abendessen für Euch bereitet", eröffnete der weiterhin, "und morgen früh Frühstück, bei Sonnenaufgang. Ich erwarte, dass Ihr keine Zeit bei der Suche nach meiner Tochter verliert und mir regelmäßig Bericht erstattet. Ich werde Euch morgen früh durch Karl etwas Geld für Eure Ausgaben während der Reise übermitteln lassen, sobald Nalia wieder wohlbehalten hier in der Festung ist, bekommt jeder von Euch sechstausend Goldmark. Wenn Ihr keine weiteren Fragen habt, wird Karl Euch jetzt zum Nebenraum begleiten." Er warf fragend einen Blick in die Runde, Vandra nickte nur leicht.
20.3.06 20:26


Kapitel 2, 4.


Xian schluckte unbehaglich. Sie mussten also nach Atkatla zurück? Plötzlich schien ihm die Idee, seinem großen und griesgrämigen Retter zu folgen, doch nicht mehr so attraktiv. Wie sollte er seinem neuen Freund helfen, wenn ihn nur ein winziger Zauberspruch in die Arme der Verhüllten Magier treiben würde? Schon beim bloßen Gedanken an die Zauberfeste erschauderte er. Auch die Aussicht auf ein paar warme Bissen mochte seine Stimmung nicht recht heben. Sein letztes trockenes Brot hatte er mit Cernd geteilt, kurz nachdem sie aufgebrochen waren.
Er blickte dem Fürsten entgegen. All das musste für ihn schrecklich sein. Es war bewundernswert, wie er es trotz seiner offensichtlich großen Sorgen den Kopf nicht zu verlieren. So starke und doch mitfühlende Adlige sollte es öfter geben, fand Xian. Nein. Er würde nicht kneifen. Diesem Manne musste geholfen werden! Seine schmalen Lippen verzogen sich zu einem mitfühlenden Lächeln.
„ Wir werden unser Bestes tun, Sir.“ Er blickte erst zu Cernd, dann zu Vandra. Nun… zumindest sie schien das Gleiche zu denken. Der Fürst nickte ein letztes Mal und verschwand. Alle standen schweigend auf. Und der Diener führte sie in einen kleinen, wesentlich schlichteren, aber nicht ungemütlichen Raum. Der Anblick des durchaus üppig gedeckten Tisches ließ sein Herz wieder leichter werden. Während sich Karl zurückzog, griff der Hexenmeister nach einem wunderschönen Apfel und biss herzhaft hinein. Dann rumpelte es gewaltig hinter ihm. Erschrocken drehte er sich um und ließ den Apfel fallen.
21.3.06 20:39


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung